31/03/2026 0 Kommentare
Gedanken zu Ostern, Vertrauen und dem, was uns trägt, auch wenn wir es nicht sehen
Gedanken zu Ostern, Vertrauen und dem, was uns trägt, auch wenn wir es nicht sehen
# Aktuelles aus der Gemeinde

Gedanken zu Ostern, Vertrauen und dem, was uns trägt, auch wenn wir es nicht sehen
Selig sind, die nicht sehen und doch glauben
Ich war gestern im Luftfahrtmuseum Wernigerode. Dort gab es das Modell eines Flugzeugflügels. Ich konnte einen Knopf drücken, der einen Kompressor einschaltete. Dadurch strömte Luft auf den Flügel - so ähnlich wie beim Fliegen. In dem Flügel war unten ein Loch. Hielt man darunter einen Tischtennisball, wurde er durch das Loch angesaugt und oben wieder herausbefördert. Dieses kleine Experiment zeigt Kindern - und auch mir -, wie etwas Unsichtbares wirken kann. Luft ist nicht zu sehen, und doch wirkt sie so, dass ein Flugzeug fliegen kann.
Mich fasziniert daran nicht nur das physikalische Prinzip. Mich fasziniert auch, wie Menschen überhaupt zu solchen Erkenntnissen gekommen sind. Die großen Entdeckerinnen und Denker waren zunächst vor allem Beobachter. Sie haben die Natur studiert, beschrieben und versucht, ihre Ordnungen zu verstehen. Maria Sibylla Merian sah in der Natur nicht nur ein Objekt der Untersuchung, sondern ein Wunder, das es aufmerksam zu betrachten galt. Mit großer Geduld beobachtete sie, wie aus Raupen Puppen wurden und aus den Puppen Schmetterlinge hervorgingen. Gerade diese Verwandlung untersuchte und dokumentierte sie genau.
Kein Wunder also, dass Albert Einstein sinngemäß schrieb, ernsthafte Beschäftigung mit der Wissenschaft könne zu einer besonderen Art religiösen Empfindens führen - weil sich in den Gesetzen des Universums etwas zeigt, das größer ist als wir selbst.
Jesus spricht zu Thomas:
"Weil du mich gesehen hast, darum glaubst du? Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!" (Johannes 20,29)
Auch der Glaube beginnt nicht mit fertiger Gewissheit. Oft beginnt er mit aufmerksamem Hinschauen, mit Staunen und mit dem Wahrnehmen dessen, was wirkt, obwohl es unsichtbar bleibt. Nicht alles, was wirklich ist, liegt offen vor Augen.
Thomas möchte sehen, bevor er glaubt. Ich kann ihn gut verstehen. Auch ich wünsche mir manchmal mehr Eindeutigkeit, mehr Greifbarkeit, mehr Sicherheit. Und doch spricht Jesus einen Satz, der über Thomas hinausweist: "Selig sind, die nicht sehen und doch glauben."
Das ist kein Lob der blinden Gläubigkeit. Denn die physikalischen Gesetze werden nicht erst dadurch wahr, dass wir an sie glauben. Sie gelten, ob wir sie verstehen oder nicht. Wir können sie entdecken, beschreiben und daraus Vertrauen gewinnen - sonst würde niemand in ein Flugzeug einsteigen.
Mit dem Glauben ist es ähnlich und doch noch mehr: Er ist nicht bloß das Für-wahr-Halten eines Satzes, sondern, wie es im Hebräerbrief heißt, "eine feste Zuversicht dessen, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht" (Hebräer 11,1). So wirkt Gott oft verborgen und bleibt doch nicht folgenlos: im Trost, in der Hoffnung, in der Liebe, in der Kraft, neu anzufangen, und in der leisen Gewissheit, dass Christus lebt, auch wenn wir ihn nicht sehen.
Im April laden uns Gründonnerstag, Karfreitag und Ostersonntag dazu ein, den Weg Jesu bewusst mitzugehen. Wer es einrichten kann, dem empfehle ich, an allen drei Feiertagen Gottesdienste zu besuchen. Ostern bekommt eine besondere Tiefe, wenn wir nicht nur die Auferstehung feiern, sondern auch das Leiden, die Stille und die Hoffnung davor mitvollziehen. Die Auferstehung selbst lässt sich nicht sehen und nicht beweisen. Sie will geglaubt werden. Gerade darin liegt ihre Kraft.
Ich wünsche Dir für diese Karwoche und das Osterfest offene Augen für die Zeichen der Hoffnung und ein vertrauendes Herz für das, was sich nicht sehen und doch glauben lässt. Möge der Auferstandene Dich stärken und begleiten.
Herzlich,
Nikolai Reetz
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